Testbräu

Hallo, auf eurer Website erhält man schon einen groben Einblick über euch und eure Berufe: Ein Ingenieur, eine Biochemikerin und ein OP-Pfleger. Das ist ja ein bunter Mix an verschiedensten Aufgabenbereichen. Nun vereint euch das Bier. Wie habt ihr euch gefunden? Und wo habt ihr euch das erste Mal getroffen?

Um 2010, damals noch im Rahmen von elektronischer Clubmusik. Über gemeinsame Stammtisch- und Brauereibesuche, lokal wie auch international entwickelte sich die gemeinsame Leidenschaft. Wobei es sicher für jeden einzelnen eine Initialzündung gab:

Nicole: Der Moment der Geschmacksoffenbarung; das Bier vielfältiger sein kann als bisher angenommen erlebte ich auf der BKL mit dem ersten Schluck vom Simco3 von Riegele.

Dirk: Das dumpfe Gefühl, dass da noch mehr gehen muss als Weißbier, Helles und Pils. Finale Initialzündung war dann das Riegele Simco3 auf der Braukunst Live 2014.

Heiko: Besuch der BrewDog Brauerei in Ellon.

Was genau fasziniert euch so an Craftbier?

Heiko: geschmackliche Vielfalt, Überraschungen und Herausforderungen, Geschichten dazu und die Menschen dahinter, Verpackungsdesign.

Dirk: Im Prinzip all das was Heiko beschreibt. Vor allem die Nahbarkeit der Akteure. Im Idealfall kann man direkt mit den Brauern auf Messen oder bei Meet-The-Brewer Events über ihr Produkt sprechen. Dann die Kreativität mit der die Rohstoffe eingesetzt werden. Selbst wenn man bei den vier RHG-Zutaten bleibt, entstehen durch den kreativen Einsatz (oder die maßlose Übertreibung) völlig neue Geschmackserlebnisse.

Nicole: Das Handwerk. Mich als Labormaus faszinieren die biochemischen Abläufe. Auf der einen Seite die Herausforderung ein Bier immer wieder mit der gleichen Qualität herzustellen. Auf der anderen Seite stets neue Biersorten zu kreieren indem man nur wenige „Stellschrauben“ bzw. Rohstoffe verändert.

Wie seid ihr dazu gekommen, euch selbst an den Sudkessel zu stellen?

Heiko: Nach den ersten Geschmacksüberraschungen und der Erkenntnis, dass Bier nicht zwangsläufig Einheitsgeschmack bedeutet, habe ich mich mit dem Herstellungsprozess und den Zutaten beschäftigt. Von da war es nicht mehr weit.

Dirk: Heiko ist schuld! Hätte er nicht den allerersten Küchensud gemacht (und vermeintlich in den Sand gesetzt), hätte ich womöglich nie damit angefangen. Zwei Braukurse später hab ich mich dann auch an den Einkocher gewagt. Dass wir das Ganze in größerem, kommerziellen Maßstab machen, daran ist eigentlich die Bierkanzlei in Halle „schuld“, die unser Milk Stout für das Laternenfest aus dem Fass ausschenken wollten. Das war so der letzte Push.

Nicole: Ursprünglich standen wir ja mal wieder zu dritt auf einer Messe und haben nach diversen Bierproben beschlossen, dass wir in 2 Jahren als Aussteller auf der Messe stehen. Damals haben wir uns selbst belächelt und nicht ernst genommen, auch wenn es insgeheim für jeden ein Traum war. Dass es jetzt soweit gekommen ist haben wir auch Freunden zu verdanken, die uns angetrieben und Mut gemacht haben unser Hobby und unsere Braueskapaden kommerziell zu betreiben.

Was war die Idee hinter euren Bieren? Was ist daran das Besondere?

Momentan haben wir drei relativ unterschiedliche Biere auf dem Markt, die doch auch recht unterschiedliche Entstehungsgeschichten haben. Wir testen unsere Ideen immer noch in der Küche mit 10-30 Liter Suden bis sie uns zu 100% zusagen. Da wird natürlich viel experimentiert und die Ergebnisse sind auch nicht immer das Gelbe vom Ei. Oder eben doch.

So zum Beispiel das Sorachi Blanche, das eigentlich ein mildes, leichtes Weißbier hätte werden sollen. Da haben wir uns dann aber mit der Hefe vertan und herausgekommen ist ein Bière Blanche, also ein Weizenbier belgischer bzw. nordfranzösischer Art. Zusammen mit der Kräuternote des Hallertauer Sorachi Ace bekommt es Witbier Charakter.

Das Sorachi Blanche Himbeere war mehr oder weniger aus der Not geboren, weil einer der ersten Testsude des Sorachi Blanche recht wenig Stammwürze hatte. Um dem Ganzen etwas mehr Wumms zu verleihen, haben wir eine Ladung Himbeeren in die Nachgärung geschüttet. Das war dann so gut, dass wir auch das groß gebraut haben. Ohne Kompromisse was die Menge an Himbeeren angeht. Da würde das BWLer Herz weinen. Zum Glück hat keiner von uns eins.

Das Milk Ice Cream Stout fußt auf einem unserer aller ersten Rezepte, einem kräftigen Milk Stout. Wie schon erwähnt haben wir das Rezept dann für unseren allerersten großen Sud für ein sommerliches Straßenfest dahingehend abgewandelt, dass es leichter ist und auch im Sommer ganz gut geht. Die Kombination von Pale Chocolate Malz und der Laktose ergibt ein Aroma, das einem Milcheis ziemlich nahe kommt. Achso: wenn man es mit einer Kugel Vanilleeis floatet hat man alkoholischen Eiskaffee. So als Tipp wenn es wieder wärmer wird.

Ihr habt ja schon eine ganze Bandbreite an Bieren gebraut. Auf welche Biere dürfen wir uns von euch noch so freuen?

Das Blanche Rezept ist die ideale Leinwand, um einzelne Hopfen zu präsentieren. Angefangen haben wir mit Sorachi Ace, die nächste Version wird ein Single Hop Blanche mit Citra werden. Was dann kommt: Schauen wir mal, aber Belma oder eine der slowenischen Sorten sind in der Diskussion. Unseren Rauchweizenbock Kremator kennen eventuell einige schon von den letzten Messen, der wird auch bald in Flaschen verfügbar sein. Und weil wir ja ursprünglich aus der elektronischen Clubmusik kommen: ein ordentliches Sour, benannt nach DEM Acidhouse Synthesizer TB-303 ist auch in der Testphase. Aciiiid! Unser Sorachi Himbeere haben wir testweise mit verschiedenen anderen Hefen vergoren und die Ergebnisse können unterschiedlicher nicht sein. Das geht bis hin zum ultratrockenen Himbeer Cider. Also ein komplett anderes Getränk, obwohl wir nur eine Grundzutat verändert haben. Lange Rede, kurzer Sinn: Da werden auch weitere Versionen kommen.

Welches Bier von euch kam bisher am besten an, also welches ist am beliebtesten?

Das Milk Ice Cream Stout und das Himbeer Blanche haben zumindest mündlich und vom Absatz den meisten Zuspruch bisher. Untappd ist da auch ein ganz guter Indikator. Dort ist allerdings der Kremator auf Platz eins. Sollten wir wohl tatsächlich schnellstmöglich größer verfügbar machen…

Ist in Zukunft eine Kollaboration mit einer anderen Brauerei geplant?

Aktuell haben wir leider noch nichts Konkretes in Aussicht, aber wir hoffen sehr, dass sich demnächst was ergibt. Heiß auf eine Collab sind wir auf jeden Fall!

Ihr wart ja nun schon auf einigen Messen vertreten. Auf welchen Craftbiermessen ist mit euch dieses Jahr noch zu rechnen? (Deutschland u. Ausland)

In den nächsten Monaten sind wir in München Anfang April auf dem Craftbeerfest und Ende Mai in Köln auf dem Craftbeer Festival. Mainz Ende des Jahres ist auch wieder geplant. Mal sehen, was sich noch so ergibt.

Craftbier ist ja aktuell ein sehr dehnbarer Begriff, was versteht ihr darunter?

Heiko: Bier mit natürlichen Zutaten auch jenseits des Reinheitsgebotes von Menschen, die eine Geschichte dazu haben. Lokal verwurzelte Biere, gerne mit einem Platz zum gemütlichen, gemeinsamen Genießen gleich hinter den Lagertanks.

Dirk: Die Definition ist hierzulande ja eher schwierig, aber ich denke der kreative Umgang mit 100% natürlichen Rohstoffen, die Rückbesinnung auf Bier als Genussmittel und dass der Produzent unmittelbar für sein Produkt steht und keine anonyme Firma, machen den Begriff für mich aus.

Nicole: Craftbier steht für mich für handwerklich gebrautes Bier in Brauereien, die nicht vollautomatisiert sind. Aber vor allem für Brauer, die gerne mit hochwertigen Rohstoffen experimentieren um jedes Bier zu etwas Besonderem zu machen.

Welche anderen Brauereien machen für euch so das beste Bier und was ist eure Lieblingssorte?

Heiko: Für Überraschungen ist Omnipollo immer gut (ich erinnere mich an Aniara) ansonsten mag ich es eher hopfig-fruchtig. Z.B. von Frau Gruber oder Lervig Zu einem meiner Lieblingsorte hat sich die Wunderburg 10 in Bamberg entwickelt. Nichts geht über ein Schäufle mit nen AU dazu.

Dirk: Die Kollegen aus UK mit Cloudwater, Alphabet, Wylam stehen bei mir derzeit hoch im Kurs. In Deutschland finde ich gerade die Sachen von Flügge, orcabrau und Sudden Death spannend. Eine spezielle Lieblingssorte hab ich nicht, das wechselt beinahe täglich.

Nicole: Ich habe keine Lieblingsbrauerei bzw. Lieblingssorte. Es gibt so viele gute Biere. Ich als Weißbierfan trinke zurzeit sehr gerne „Der Weizen“ vom Tilman. Geht immer.

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